Vor 60 Jahren

Der verdammte Krieg

Der 2. Weltkrieg hatte bereits deutschen Boden erreicht - die Apokalypse, die vom paranoiden ?sterreichischen Gefreiten, dem Verderber Deutschlands und seinen Gefolgsleuten losgetreten worden war und der halben Welt Tod und Elend gebracht hatte, war auf deutschen Boden zur?ckgekehrt. Jetzt brachte er hier Vielen den Tod und st?rzte Millionen von Menschen in eine ungewisse leidvolle Zukunft.

Es war am fr?hen Morgen des 31. Januar 1945 - es war sehr kalt. Die Temperaturen waren ?ber Nacht auf nahezu ?20 Grad Celsius gesunken und es lag fast ein halber Meter Schnee. An diesem Morgen kam in ein kleines westpreu?isches Dorf, ca. 50 km ?stlich der Oder eine Wehrmachtsk?belwagen mit einigen v?llig ersch?pften deutschen Soldaten. Diese teilten der in Unruhe wartenden Dorfbev?lkerung mit, da? die Rote Armee bei K?sterin zur Oder nach tagelangen schweren K?mpfen durchgebrochen war. Wenn sie nicht in die Kampfzone hineingezogen werden wollten, sollten sie sich sofort in Richtung Westen zur Oder auf den Weg machen. Ob es noch eine intakte Oderbr?cke gab, wussten die Soldaten auch nicht. Nachdem sie von einigen Dorfbewohnern mit Lebensmittel und warmen Getr?nken versorgt waren, brachen sie ?berhastet auf und fuhren weiter.

Schon tagelang hatten die D?rfler das dumpfe, an eine fernes Gewitter erinnernde Dr?hnen der Artillerie von der Frontlinie n?rdlich ihres Dorfes geh?rt. Die ganze Zeit waren Kampftruppen durch ihr Dorf gezogen. Alle hatten bereits schon vor Tagen das N?tigste gepackt. Auf den, in den Tennen bereitstehenden Wagen t?rmten sich Betten, warme Kleidung und Lebensmittel. Nachdem die Soldaten die Meldung gebracht hatten, eilten die Menschen auf ihre H?fe ? jetzt wurden noch wichtige pers?nliche Unterlagen und Wertsachen hastig verpackt und die Pferde aus den St?llen geholt. Diese t?nzelten auf den H?fen ganz nerv?s und schlugen teilweise aus, hatte sie doch die Hast und Eile der Hofleute ganz unruhig gemacht. Auf dem Hof vor dem die Soldaten mit den Leuten gerade noch gesprochen hatten, wurden auch eiligst drei Pferde, zwei Braune und ein Rappen aus dem Stall geholt und eingeschirrt. Eine junge Frau stand noch unschl?ssig vor dem Wagen Sie hielt ein Kleinkind, das noch nicht laufen konnte und kaum aus den dicken Sachen, in denen es eingewickelt war, herausschauen konnte, im Arm. Sie versuchte auf den Wagen zu steigen, aber mit dem Kind im Arm ging es nicht. Da kam der ?ltere Mann, der Bauer und half ihr aufsteigen. Lautes Rufen kam vom Dorfplatz - die ersten Wagen standen bereits zur Abfahrt bereit. Der Bauer rief zur?ck, das er gleich soweit w?re und trieb die Menschen, die sich jetzt um den vollgepackten Wagen versammelt hatten, zur Eile an. Eine ?ltere Frau half, offensichtlich der Gro?mutter, von der j?ngeren Frau mit dem Kind, die bereits auf dem Wagen sa? unterst?tzt, beim Aufsteigen. Eine zweite j?ngere Frau, die jetzt dazugetreten war ? ebenfalls in dicke Wintersachen geh?llt, stieg nun auch mit Hilfe der anderen auf den Wagen. Die ?ltere Frau ging nochmals die paar Stufen einer Treppe hoch, zum Haus zur?ck und r?ttelte an der bereits verschlossenen T?r des Hauses. Der Bauer rief jetzt ungeduldig, das sie kommen solle, denn die anderen Wagen vor dem Haus setzten sich bereits in Bewegung. Der Mann nahm die Pferde beim Z?gel und w?hrend diese sich ins Geschirr legten, fuhr der Wagen, der sich im tiefen, hartgefrorenen Schnee langsam knirschend in Bewegung setze, vom Hof zur Dorfstra?e. Er schloss sich der Wagenkolonne an, w?hrend die B?uerin das Hoftor von innen noch verriegelte und die Hoft?r hastig abschloss. Dann lief sie dem gerade nochmals haltenden Wagen nach und stieg auch auf.

Der erste Wagen hatte bereits den Dorfrand erreicht, von dort ging ein kurzer Anstieg zu einem kleinen H?henzug, der das Dorf vom Westen begrenzte. Gegen den klaren Winterhimmel und den wei?en Schnee, sahen die Wagen vom Dorf wie ein Scherenschnitt aus. Als der Wagen der Familie den h?chsten Punkt des H?gels erreicht hatte, hielt der Bauer das Pferdegespann nochmals kurz an. Alle konnten jetzt das von der Wintersonne beschienene, vom tiefen Schnee eingeh?llte und wie im Winterschlaf daliegende Dorf, ?berblicken. Aus einigen Schornsteinen kr?uselten sich noch Rauchfahnen, als ob die Bewohner noch zu Hause w?ren. Die Gro?mutter dreht sich um und sagte: ?Schaut es Euch nochmals genau an ? wir kommen hier nie wieder zur?ck!? ? dann fuhr der Wagen, vom fernen Kanonendonner begleitet, in den kalten, klaren Wintertag und in eine ungewisse Zukunft weiter.

Warum ich diese Geschichte geschrieben habe, die sich so oder ?hnlich abgespielt haben k?nnte? Nun, am 31. Januar 1945, gingen meine Urgro?mutter mit 93 Jahren, meine Gro?eltern, meine Tante mit meiner Cousine und meine Mutter, die an diesem Tage 27 Jahre wurde und im vierten Monat schwanger war, auf eine 159 Tage dauernde, schlimme Irrfahrt durch Norddeutschland. Am Ende dieser leidvollen und entbehrungsreichen Flucht, wurde ich, sozusagen auf dem Treck, geboren - ich m?chte, da? sich etwas derartiges nie mehr wiederholt!


31.1.05 20:54

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Kasimir / Website (17.2.05 22:21)
Keine Angst Burckhard.
Den nächsten Krieg in Europa überlebt keiner.

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