Das Ende einer menschlichen Illusion!

Die große Verheißung oder das Ausbleiben ihrer Erfüllung

"Die große Verheißung unbegrenzten Fortschritts - die Aussicht auf Unterwerfung der Natur und auf materiellen Überfluss, auf das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl und auf uneingeschränkte persönliche Freiheit - das war es, was die Hoffnung und den Glauben von Generationen seit Beginn des Industriezeitalters aufrechterhielt."

Mit der aktiven Beherrschung der Natur durch den Menschen hatte zwar die Zivilisation begonnen, aber dieser Herrschaft war bis zur Einsetzung der Technik im Industriezeitalter Grenzen gesetzt. Bis die menschliche und tierische Körperkraft durch mechanische und später nukleare Energie ersetzt wurde und bis zur Einführung des Computers, bestärkte der industrielle Fortschritt die Menschen in dem Glauben, auf dem richtigem Wege zu sein. Sie glaubten auf dem Wege zur unbegrenzten Produktion und somit auch zum unbegrenzten Konsum und zum unbegrenztem Glück zu sein. Die Kommunisten postulierten sogar: „Jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Nur das musste schiefgehen, denn der Mensch kennt keine Bedürfnissgrenze – er ist maßlos! Die Menschheit glaubte durch die Technik allmächtig und durch die Wissenschaft allwissend zu werden. Die Menschen waren mächtige Wesen geworden, sie glaubten, dass sie im Begriff waren, Götter zu werden, die eine zweite Welt erschaffen konnten. Sie glaubten auch Leben erschaffen zu können, wobei ihnen die Natur nur die Bausteine für die neue Schöpfung liefern brauchte.

„Die große Verheißung unbegrenzten Fortschritts – auf materiellen Überfluß und auf uneingeschränkte persönliche Freiheit - das war es, was die Hoffnung und den Glauben von Generationen seit Beginn des Industriezeitalters aufrechterhielt."

Die Menschen erlebten im zunehmenden Maße ein neues, ungekanntes Gefühl der Freiheit, denn sie wurden zu Herren ihres eigenen Lebens. Aus den Ketten der Feudalherrschaft entronnen, wurden sie dieser Fesseln ledig und konnten, so empfanden sie es, tun was sie wollten. Aber dies galt zuerst vornehmlich nur für die Mittel- und Oberschicht. Aber diese Botschaft und deren Errungenschaften verleiteten die Allgemeinheit zu dem Glauben, die neue Freiheit werde schließlich allen Mitgliedern der Gesellschaft zugute kommen. Es müsse die Industrialisierung und Produktion nur im gleichen Tempo voranschreiten. Was viele nicht wahrhaben wollten, Sozialismus und Kommunismus wandelten sich in ihrem Ziel schnell. Von der Bewegung, die eigentlich eine neue Gesellschaft und einen neuen Menschen anstrebte, wurde sie zu einer Kraft, die das bürgerliche Ideal eines bürgerlichen Lebens für alle aufrichtete: der "universale Bourgeois" als Mensch der Zukunft. Denn, man nahm irrtümlich an, leben erst alle in Reichtum und Komfort, dann würde jeder Mensch schrankenlos glücklich sein.

"Diese Trias von unbegrenzter Produktion, absoluter Freiheit und uneingeschränktem Glück bildete den Kern der neuen "Fortschrittsreligion" und eine neue irdische Stadt des Fortschritts ersetzte die "Stadt Gottes". Ist es nicht verwunderlich, dass dieser neue Glaube seine Anhänger mit Energie, Vitalität und Hoffnung erfüllte?

Man muss sich die Tragweite dieser großen Verheißung und die phantastischen materiellen und geistigen Leistungen des Industriezeitalters vor Augen halten, um das Trauma zu verstehen, das die beginnende Einsicht in das Ausbleiben ihrer Erfüllung heute auslöst. Denn das Industriezeitalter ist in der Tat nicht imstande gewesen, seine große Verheißung einzulösen, und immer mehr Menschen werden sich folgender Tatsachen bewusst:
· dass Glück und größtmöglichste Vergnügen nicht aus der uneingeschränkten Befriedigung aller Wünsche resultieren und nicht zu Wohlsein führen.;
· dass der Traum, unabhängige Herren über unser Leben zu sein, mit unserer Erkenntnis endet, dass wir alle Räder in der bürokratischen Maschine geworden sind;
· dass unsere Gedanken, Gefühle und unser Geschmack durch den Industrie- und Staatsapparat manipuliert werden, der die Massenmedien beherrscht;
· dass der wachsende wirtschaftliche Fortschritt auf die reichen Nationen beschränkt blieb, und der Abstand zwischen ihnen und den armen Nationen immer größer geworden ist;
· dass der technische Fortschritt sowohl ökologische Gefahren, als auch die Gefahr eines Atomkrieges mit sich brachte, die jede für sich oder beide zusammen jeglicher Zivilisation und vielleicht sogar jedem Leben ein Ende bereiten können.

Es ist erstaunlich, diese Worte schrieb Erich Fromm bereits im Jahre 1973 in seiner Einführung zu seinem Buch "Haben oder Sein".

In den letzten 40 Jahren haben sich die Konflikte verschärft - die wirtschaftlichen Bedingungen sind durch die Globalisierung härter geworden. In Afrika findet seit Jahrzehnten ein stiller Genozid statt, im Nahen Osten will keine Ruhe einkehren. Religiöse Eiferer versuchen mit Bombenterror ihre Vorstellungen einer anderen Welt zu oktroyieren. Die Armut in der Dritten Welt wird immer größer, doch die reichen Nationen sind noch reicher geworden. Diesen wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Entwicklungen stehen die politischen Entscheidungsträger ziemlich hilflos gegenüber. Besonders die Finanzkrise hat sehr deutlich gezeigt, wie wenig beherrschbar das Finanzsystem geworden ist. Die sozialen Widersprüche werden werden sich m. E. in der nächsten Zeit noch weiter verschärfen. Auch in Deutschland steht die Besitzstandswahrung und der Machterhalt immer mehr im Vordergrund und die Verteilungskämpfe werden vermutlich immer härtere Konturen annehmen, denn keiner will zurückstecken und sich "bescheiden". Solidarität und Mitmenschlichkeit werden immer kleiner geschrieben. Und dieser Konflikt wird auf dem Rücken der Besitzlosen ausgetragen, die anderen tanzen um das "Goldene Kalb": „Jedem das Seine – aber mir das meiste!“ Wir leben in einem eigenartigen System, das hier im Forum als "offenes" demokratische System bezeichnet wurde. Nur scheint mir, dass dieses System zu einer einzigen "Schwachstelle" geworden ist, in dem viele Betrug und Missbrauch um uns herum herrscht! Da scheint mir wohl die sogenannte "demokratische Kontrolle" zu versagen, weil das System in sich korrupt ist! Nur bleibt die alte Erkenntnis, dass man Geld nicht essen kann, weiter bestehen!

Wir werden die Welt nicht ändern - weil sich der Mensch nicht ändert!

Quelle: Erich Fromm, Haben oder Sein

3.4.10 08:13

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