Was ist eigentlich Antisemitismus?

Ein "unkorrekter" Begriff?

Im Lexikon steht: Judenfeindlichkeit (auch Judenhass, Judenfeindschaft, gegebenenfalls Judenverfolgung) bezeichnet eine pauschale Ablehnung der Juden und des Judentums.

Antisemitismus ist ein Antonym zu Semitismus: Dieses Abstraktum kam um 1860 auf und bezog sich ursprünglich auf Fremdworte, die aus der Sprachfamilie der „Semiten“ stammten. Als Semiten werden (historische) Völker bezeichnet, die eine semitische Sprache sprechen.
Der deutsche Historiker August Ludwig von Schlözer prägte 1781 den Begriff mit Bezug auf die Völkertafel der Genesis - siehe dazu Semitismus. Nach einem biblischen Mythos führte Abraham seine Abstammung auf Sem, den ältesten Sohn Noachs zurück. In Anlehnung daran bezeichnete man in biblischer Zeit alle Völker des Nahen Ostens, die sich als Nachkommen Abrahams betrachteten, als „Söhne des Sem“.

Demnach gehören zu den Semiten die Äthiopier, Araber, Hyksos, Malteser, Minäer, Sabäer, Ostsemiten, Akkader, Babylonier, Assyrer, Amoriter, Ammoniter, Aramäer, Hebräer, Kanaaniter, Moabiter, Nabatäer, Phönizier, Samaritaner und Syrer.

Heutige semitisch-sprachige Völker sind z. B. Äthiopier, Araber, Israelis, Malteser und einige Reste einer Bevölkerungsgruppe im Irak und in der Türkei, die aramäisch sprechen. (nach Wikipedia)

Auch der französische Historiker und Philologe Ernest Renan (1823-1892) behauptete in seinen Études d'Histoire Religieuse (Studien zur Religionsgeschichte) 1862, „Semiten“ sei jeder militärische, politische, wissenschaftliche und geistige Fortschritt fremd; Intoleranz sei die natürliche Folge ihres Monotheismus (Judentum, Christentum und Islam als „semitische Religion“), den sie den vom Polytheismus geprägten Ariern aus ihrer Kultur übergestülpt hätten. Ihr „arrogantes Erwählungsbewusstsein“ sei seit 1800 Jahren verantwortlich für den Hass auf sie. Zugleich warnte Renan davor, die heutigen Juden als „Semiten“ zu bezeichnen.

1860 widersprach der jüdische Bibliograph und Mitgründer der Judaistik Moritz Steinschneider Renan und nannte dessen Vorurteile erstmals „antisemitisch“. Für das preußische Staatslexikon von 1865 kennzeichnete dieses Adjektiv eine dem „typisch“ Jüdischen entgegengesetzte Haltung. Der Wortbestandteil „semitisch“ hatte sich also nun schon auf die Bedeutung „jüdisch“ eingeengt. Diese abwertende Kategorisierung übernahmen dann rassistische Judengegner und bezogen sie auf alle Juden.

Nationalistische Einigungsbewegungen lehnten Juden seit 1789 als Nutznießer der allgemeinen Menschenrechte ab, die sich mit der Französischen Revolution in Europa durchzusetzen begannen. Ihre Judenfeindschaft reagierte also auf die damals eingeleitete Jüdische Emanzipation. Dabei wirkte der tradierte christliche Judenhass auch im aufgeklärten Bürgertum fort, suchte sich aber nun pseudowissenschaftliche, der veränderten historischen Lage angepasste Gründe.

Ab etwa 1860 keimte der Rassismus auf. Auch Juden wurden nun als eigene, von den übrigen Europäern unterschiedene „Rasse“ definiert. Damit wurde der ältere Antijudaismus nicht abgelöst, aber umgeformt und überlagert. Besonders in Deutschland, im zaristischen Russland, im Habsburger Vielvölkerstaat Österreich und in Frankreich bildete sich daraus eine politische Ideologie, auf die sich ein Konglomerat antiliberaler, ethnisch-national gesinnter Gruppen verständigen konnte. Sie machten die Bekämpfung, Isolierung, Vertreibung und schließlich Vernichtung alles „Semitischen“ zu ihrem Programm. Gemeint waren stets die Juden.

Der deutsche Journalist Wilhelm Marr machte die Juden seit 1873 für den damaligen Gründerkrach verantwortlich. Er gilt als Erfinder des Substantivs „Antisemitismus“, das er benutzte, um seine rassistische Judenablehnung von religiösem Judenhass zu unterscheiden und pseudowissenschaftlich zu begründen.

Im Februar 1879 warf seine Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ dieses Schlagwort in die politische Debatte. Er richtete es nicht etwa gegen alle zur semitischen Sprachfamilie gehörenden Völker , wie Äthopier, Erithreer, Hebräer, Araber, Malteser, sondern gezielt nur gegen Juden:um sie nach ihrer Abstammung, nicht ihrer Religion zu definieren, und sie damit einer anderen „Rasse“ zuzuweisen, um deren angeblich unveränderbaren „Nationalcharakter“ behaupten zu können, um diese Zuschreibungen wissenschaftlich aussehen zu lassen.

Marr stellte den Begriff ausdrücklich alternativ zum christlich-religiösen Antijudaismus vor, um diese „unaufgeklärte“, bloß emotionale Aversion auf einen „modernen“, angeblich rationalen Diskurs über den verderblichen gesellschaftlichen Einfluss der Juden zu orientieren. Damit wollte er allen, auch religionsfernen Bürgern, die Ausgrenzung aller Juden als politisches Ziel plausibel machen. Deren Integration in die bürgerliche Gesellschaft, sei es durch erzieherische „Verbesserung“, sei es durch die Taufe, sollte von vornherein unmöglich erscheinen. Daher griff Marr gerade auch die assimilierten Juden als „artfremde Nation in der Nation“ an, die deren Selbstfindung im Wege stehe.

Der Begriff wurde bereits 1880 als zu weit gefasster und unscharfer „Sammelbegriff für negative Stereotypen über Juden, für Ressentiments und Handlungen, die gegen einzelne Juden als Juden oder gegen das Judentum insgesamt sowie gegen Phänomene, weil sie jüdisch sind, gerichtet sind“, kritisiert. Er bedeute „viele Dinge für viele Leute“ und scheine sich „einer einfachen Begriffsbestimmung zu verweigern“. Die Wortverbindung mit Semitismus, die ein ethnisches Kollektiv und ihm zugeschriebene Eigenarten suggeriert, ist eine etymologische Fehlprägung. Schon Meyers Konversationslexikon von 1881 sowie heutige Ausgaben des Brockhaus vermerkten: Der Begriff sei falsch, weil „Semiten“ neben Juden auch alle anderen Völker umfasst, die dem semitischen Sprachzweig zugeordnet sind, die von den Antisemiten aber nie gemeint waren.

Die von ihnen eigentlich beabsichtigte Einordnung der Juden in eine semitische Rasse wurde auch von manchen Antisemiten als Problem empfunden: So sah Karl Eugen Dühring den Begriff „Antisemitismus“ als „zu allgemeinen Fehlgriff“ und schlug alternativ den Ausdruck „Antihebraismus“ (gegen Hebräer als Nation) vor! Teilweise wird auch von antijüdisch, antimosaisch, antiisraelisch oder antzionistisch gesprochen, nur hat sich der unkorrekte Begriff "antisemitsch" im Sprachgebrauch eingeordnet.

Quelle: Internet, Fachliteratur

Buhad 03/2010

6.3.10 23:51

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